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Mützä – Mein Autismus in 500 Worten

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Ich hechte gerade vollkommen überfordert durch eine Einkaufsstraße in Hamburg. Werde dabei fast von einem Bus überfahren. Habe ihn schlicht und ergreifend nicht wahrgenommen. Wie so viele Sachen in solchen Momenten.
Ich bekomme dann nicht mehr richtig mit, wenn mich jemand anspricht, wenn Ampeln rot/grün sind, wenn ich mich verlaufe, wenn ich im falschen Zug sitze, wenn ich in einer Schlange stehe und es weiter geht, etc. …

Für meine Eltern ist so etwas total unverständlich. Vollkommen irrelevant, wie oft ich es versuche zu erklären. Aber sie nehmen es zumindest hin. Das ist für mich schon sehr viel, denn früher hieß es immer nur „Stell dich nicht so an!“. Ich nehme ihnen das nicht übel, denn ich habe es nicht mal selbst verstanden. Ich habe mich nicht verstanden, lediglich in mir ein Problem gesehen.

Das ist auch so ziemlich mein größtes Problem, das mit meinem Autismus zusammenhängt. Klar, Overloads, Kommunikationsprobleme, …, alles nicht einfach. Auch für mich nicht. Aber für mich ist eher die Schwierigkeit, dass ich aufgrund solcher Probleme immer als Problem wahrgenommen wurde und man mir Dinge einredete. Wie z.B. dass ich die Familie zerstöre oder dass ich zu viel Zeit und Geld koste. Teils auch heute noch, aber zum Glück nicht mehr von meinen Eltern.
Ich habe immer noch ziemlich große Selbstbewusstseinsprobleme deswegen. Ich rede mir immer noch selbst ein, dass ich ein Fehler bin und alles nur verbocke. Obwohl ich mittlerweile weiß, dass es nicht so ist.

Ich will nicht den Autismus verfluchen, der hat ja auch den ein oder anderen Vorteil. Ich wünschte bloß, dass mir meine Probleme etwas früher bewusst geworden wären         und ich dementsprechend früher etwas hätte ändern können.


Dieser Beitrag ist Teil der Reihe „Mein Autismus in 500 Worten“.

Alle Beiträge dieser Reihe kannst du hier nachlesen. Nähere Informationen zu dieser Reihe und dazu wie du dich beteiligen kannst findest du auf dieser Seite.

Mützä ist Asperger-Autistin, wenn Sie nicht grade zur Schule geht, strickt und häkelt Sie und twittert darüber hinaus auch noch.

Geschrieben von Gastautor

Am 14.04.2014 um 21:05 Uhr

Veröffentlicht in Mein Autismus

Fuchskind – Mein Autismus in 500 Worten

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Es ist keine Marmelade mehr da. Also unsere Marmelade, es gibt nämlich nur eine Sorte, die mein Mitbewohner und ich gerne essen. Morgens gibt es für mich eine Scheibe Brot mit Erdnussbutter und besagtem Fruchtaufstrich, damit der gut Tag anfangen kann, besonders wenn ich aus dem Haus gehen muss. Mein kleines süß/salziges Rettungsboot, das mich durch die reizende Welt da draußen schippert.
Dazu gibt es schwarzen Kaffee aus einer gelben Tasse, das erinnert mich an eine Sonnenblume und die mag ich im Gegensatz zur richtigen Sonne richtig gerne. Wenn die gelbe Tasse gerade im Geschirrspüler ist, darf es auch eine andere Tasse sein. Dann muss aber ein Schuss Sojamilch in den Kaffee.

Ohne Frühstück funktioniert mein Tag nicht. Als würde ich versuchen, aus der Haustür zu gehen, ohne vorher das Bett zu verlassen. Es fehlt das Ritual, das mich in die laute Umgebung entlässt, das mir Sicherheit gibt. Es gibt viele Rituale, die meinen Alltag erleichtern, aber das Frühstück ist mit Abstand das Wichtigste.

Aber zurück zur Marmelade. Mein Mitbewohner mag sie gerne, aber manchmal isst er auch Cornflakes oder einen anderen Aufstrich. Sie ist für ihn nicht ganz so wichtig wie für mich. Normalerweise achten wir immer drauf, dass die wichtigsten Utensilien für unseren Alltag immer vorrätig sind, diesmal hat es aber irgendwie nicht geklappt. Da haben wir den Salat. Und auf den habe ich gerade gar keine Lust, nicht mal auf Obstsalat. Leider gibt es nur ein paar Läden, in denen es unsere Marmelade zu kaufen gibt und die sind nicht um die Ecke. Aber wie soll ich ohne Frühstück hinausgehen, in den entfernten und lauten Supermarkt? Und wenn die Marmelade diesmal gar nicht da ist? Oder zu hoch im Regal, so dass ich nicht herankomme, ich müsste jemanden um Hilfe bitten… Oder wenn…

Mein Mitbewohner schnappt sich seinen Rucksack und geht aus der Tür. Nach einer halben Stunde kommt er lächelnd mit 16 Gläsern unserer Marmelade wieder. Er hätte noch mehr mitgebracht, aber mehr passten einfach nicht in seinen Rucksack, sagt er. Ich setze Kaffee auf und wir frühstücken, während ich schon überlege, wo ich die ganzen Gläser verstaue. Für unser Marmeladenfach im Schrank sind es zu viele, aber ich bekomme das schon hin.

Mein Mitbewohner ist Autist, so wie ich. Er ist auch mein bester Freund. Wir verstehen uns und kennen unsere Macken, Stärken und Schwächen. Ich habe es noch nie so lange mit einem Menschen ausgehalten, schon gar nicht in einer WG. Freundschaften waren für mich immer schwierig, ständig hatte ich das Gefühl nicht zu genügen, egal wie sehr ich mich bemühte. Gleichzeitig war ich aber von der ständigen Präsenz, den Wünschen und Erwartungen der anderen Menschen schnell völlig überfordert. Mit ihnen konnte ich nicht leben, ohne sie fühlte ich mich auf Dauer aber auch zu einsam. Dazu bin ich noch ständig auf Hilfe von Außen angewiesen, um meinen Alltag meistern zu können. Wer hält das schon auf Dauer aus?

Manchmal wird mir bewusst, wie viel Glück ich mit meinem besten Freund habe. Ich glaube, heute Abend schauen wir mal wieder Loriot.

Loriot Comic von Fuchskind


Dieser Beitrag ist Teil der Reihe „Mein Autismus in 500 Worten“.

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“Fuchskind ist eine 31 Jahre alte Asperger Autistin und zeichnet Comics, die sie unter anderem auf ihrer Website veröffentlicht: www.fuchskind.de.
“Schattenspringer”, ihre autobiographische Graphic Novel über das Asperger Syndrom, ist ab 18.03. als Print- und Ebook-Version erhältlich.”

Geschrieben von Gastautor

Am 06.03.2014 um 11:29 Uhr

Veröffentlicht in Mein Autismus

sepia – Mein Autismus in 500 Worten

Ein Kommentar

Ein Problem beim Schreiben dieses Textes war, dass es mir, als ein medizinischer und psychologischer Laie, schwer fällt, mein Verhalten einem bestimmten Syndrom zuzuordnen. Ich denke, nicht jedes Persönlichkeitsmerkmal eines Autisten lässt sich auf Autismus reduzieren. Schreibe ich über mich selbst schreibe ich daher nicht notwendigerweise von Autismus.
Jedoch bin ich wohl in der Lage, einige meiner Verhaltensweise korrekt als autistisch zu deuten. Denn wenigstens kenne ich die Diagnosekriterien und viele andere Autisten.

Hochsensibilität
Bei mir ist vor Allem Hochsensibilität stark ausgeprägt. Viele Geräusche machen mich nervös und ich kann vieles nicht ertragen, was in unserer Gesellschaft allgemein akzeptiert oder gar gefordert wird. So musste meine Familie wegen mir 2 Wellensittiche hergeben, weil ich deren Gezwitscher nicht mehr aushielt. Und wenn ich ein Klavierkonzert im Rahmen meines Klavierunterrichts aufführe, bittet meine Klavierlehrerin das Publikum darum, nicht zu klatschen. Das ist sehr entgegenkommend und ein großer Teil des Publikums hält sich daran. Aber stellen Sie sich mal vor, Sie würden Geklatsche nicht ertragen: Bei praktisch jeder öffentlichen Aufführung wird geklatscht. Und jedes Mal steigt schon vorher die Angst vor dem Geräuschchaos und dem Lärm.

Mittlerweile habe ich mich etwas daran gewöhnt, aber es klappt trotzdem noch nicht ganz. Ich wünschte, wir hätten diese Geste gar nicht.

Kommunikation
Meine zweite Eigenschaft, die ich bei vielen Autisten sehe, ist, dass ich übers Internet weitaus besser kommunizieren kann, als im realen Leben. Dabei ist dieser Kontrast bei mir noch weiter ausgeprägt, als bei den anderen Asperger-Autisten, die ich kenne. Ich traf schon mehrmals andere Autisten bei Forentreffen (es gibt ja viele Selbsthilfeforen). Viele von ihnen können sehr geschwätzig sein, sodass häufig eine rege Diskussion über diverse Themen entsteht. Mir berichteten danach einige, dass sie überrascht seien, wie wenig ich gesagt habe. Nach meinen Beiträgen im Forum hätten sie mich anders eingeschätzt.

Zugegeben verstehe ich mich hier selbst nicht. Irgendwie fehlt mir oft die Motivation, spontan zu reden. Mir sind andere Leute oft zu egal und der Anstrengung nicht wert. Trotzdem war ich über mehrere Jahr Radiomoderator bei einem Lokalsender, sowie Vorjurymitglied und Reporter bei einem Jugendfilmfestival. Und noch heute nehme ich mich ab und zu beim Vortragen künstlerischer oder philosophischer Texte auf. Hier habe ich die Motivation, weil mich die Themen interessieren.

Spezialinteressen
Einige Autisten interessieren sich stark für spezielle Themen und können sich stundenlang damit beschäftigen. Bei mir ist es sehr etwa 10 Jahren das Thema Filme. Und damit habe ich einen großen Vorteil. Ich kenne Autisten, die nur ungerne über ihre Spezialinteressen reden, weil die Themen zu ausgefallen sind. Filme hingegen sind sehr beliebt und lassen sich leicht mit anderen Themen kombinieren.
Neben Filmen kann ich mich auch für andere Themen begeistern und bin oft zu viel mehr motiviert, als ich an einem Tag Zeit hätte. Beispiele dafür sind Kochen, Biologie, Planeten, Erkenntnistheorie, Poesie und natürlich Klaviermusik. Dennoch sind diese Interessen nicht so stark ausgeprägt, wie mein Interesse für Filme.


Dieser Beitrag ist Teil der Reihe „Mein Autismus in 500 Worten“.

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sepia ist Asperger-Autist und 24 Jahre alt. Wenn er mal was anderes als Gastbeiträge für mich schreibt, schreibt er hier und will dieses Jahr seine ersten Gedichte veröffentlichen.

Geschrieben von Gastautor

Am 12.02.2014 um 1:05 Uhr

Veröffentlicht in Mein Autismus

Vergleichende Metaphern

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Metaphern und Vergleiche sind sehr nützliche Tiere. Insbesondere vor dem Hintergrund  meiner Beschäftigung mit der IT retteten sie mir in der Vergangenheit schon öfter den Hintern, wenn es darum ging, Dinge zu vermitteln, die für Laien nur schwer verständlich sind. Doch auch in anderen Punkten sind sie hilfreich. Man kann mit ihnen Standpunkte verdeutlichen oder erkennt an manchen von ihnen, wann eine Diskussion über den Jordan ging. Insbesondere mir, mit meiner tendenziell bildhaften Denkweise, helfen sie oftmals, Gedanken auszudrücken, die ich sonst nicht allgemein verständlich abstrahiert bekäme.
Jedoch ist nicht jeder (bildhafte) Vergleich auch immer in jeder Situation gleich geeignet.  Dabei gibt es Vergleiche, die grundsätzlich nicht angemessen sind, wie zum Beispiel der Vergleich von Personen mit (toten oder lebenden) Diktatoren. Genauso sind Bilder, die irgendeinen Verweis auf Genozide enthalten, eher ungeeignet, weil sie das Potenzial haben, Gefühle zu verletzen, und dieses Potenzial in der Regel auch voll ausschöpfen. Der Umgang damit ist zum Glück relativ simpel in einer Faustregel zusammenzufassen:
Lasst es einfach sein.

Es gibt aber auch Vergleiche, die das gleiche Risiko in sich tragen, es jedoch nicht ganz so offensichtlich zeigen. Beispielsweise sind das Vergleiche, die so weit an den Haaren herbeigezogen wurden und dadurch so sehr hinken, dass, wären sie Pferde, der Tierarzt nur noch den Abdecker rufen würde.
Die Extremform der Vergleiche, welche nicht mal mehr hinken, sondern von vornherein Verwesungsgeruch ausströmen, sind solche, die nicht viel Bezug zur Realität haben, sondern einfach nur gesamtgesellschaftliche Vorurteile widerspiegeln. Ein relativ weit verbreitetes, in diesem Fall rassistisches, Beispiel dafür wäre zum Beispiel “Die klauen wie die Polen.” Jeder versteht was gemeint ist, unabhängig vom Realiätsbezug, und vermutlich wird kein Pole in freudige Extase verfallen, wenn er das hört.
Die Wahrscheinlichkeit, solche Aussagen heutzutage in der Zeitung zu lesen, ist zum Glück stark gesunken. Dafür liest man heute andere Vergleiche, die aber ebenso das Problem des geringen Realitätsbezugs und des umso größeren Vorurteilsbezugs haben. Unter anderem fällt hier die Verwendung des Wortes Autismus auf, um Personen auf Charaktereigenschaften zu reduzieren.

Dabei hätte ich im Grunde gar nichts dagegen, Autismus als Metapher zu verwenden. Das Problem ist, ich fand bisher noch keine Autismus-Metapher, die irgendetwas anderes als die Vorurteile transportiert. Sei es Engstirnigkeit, die fehlende Bereitschaft zur Kommunikation, Egoismus in allen Varianten und vieles mehr. Diese Vorurteile über Autismus sind weder schön noch neu noch selten. Die Metaphern greifen nur auf, was ohnehin schon da ist - könnte man sagen und diese Diskussion beenden. Wenn man etwas weiter denkt, stellt man jedoch mit etwas Glück fest, dass es nicht ganz so simpel ist, sondern durch solche Vergleiche Vorurteile gefestigt werden. Denn jeder, der noch keine Ahnung hat, was Autismus ist, (und das sind nicht Wenige) wird es durch häufiges Lesen der Metapher lernen. Nur eben das Vorurteil und nicht die Realität. Und das sorgt mittelfristig dafür, dass auch eine weitere Generation Autisten das zweifelhafte Vergnügen bekommt, erst einmal versuchen zu müssen, zu erklären, was Autismus wirklich ist - und dass Autisten keine kurzsichtig denkenden Egoschweine sind.

Wie ich bereits sagte: Ich habe kein Problem damit, wenn Sie Autismus als Metapher verwenden. Sofern Sie ihn verstanden haben - und man das Ihrer Metapher auch anmerkt. Ich habe Autismus vermutlich verstanden, und auf Anhieb fällt mir nichts ein, wofür er Metapher sein könnte, denn das Spektrum ist zu weit, als dass es wirklich vergleichsfähige Eigenschaften gäbe, mit denen Sie keinen Autisten vor den Kopf stoßen. Aber eventuell finden Sie ja doch was, womit Sie sich meinen Respekt verdient hätten.

Wenn Sie es jedoch nicht verstanden haben, lassen Sie es. Sie sind intelligent. Sie finden einen besseren Weg, Ihr Anliegen klarzumachen.

 

Geschrieben von Benjamin Falk

Am 26.01.2014 um 23:39 Uhr

Veröffentlicht in Allgemeines, Autismus in den Medien

Der Kopfhörer bleibt drinnen.

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Es gibt einige, meist persönlich geprägtere, Texte, die überlege ich schon lange zu schreiben. Bei der Überlegung bleibt es dann aber lange Zeit nur, weil diese Texte ein großes Potenzial haben, missverstanden zu werden, worauf sich dann Leute furchtbar auf den Schlips getreten fühlen, was ich in der Regel vermeiden will. Nun schreibe ich diesen Text trotzdem, einfach nur weil ich keinen Nerv mehr darauf habe, von anderen Menschen erklärt zu bekommen, dass ich mich jetzt anständig verhalten solle.

Der Stein des Anstoßes sind meine Kopfhörer. Seitdem sich tragbare Musikabspielgeräte durchgesetzt haben, nehmen die dazugehörigen Abendlandsuntergangsszenarien nicht ab. Millionen Menschen mit Hörschäden, niemand redet mehr miteinander, wir werden alle zu Zombies. Was davon übrig bleibt, zeigt die Zeit gerade. Aber es gibt noch eine weitere Sache, die im Rahmen von öffentlich kopfhörertragenden Menschen immer wieder ins Feld geführt wird. Nämlich, dass diese Dinger einfach nicht rausgenommen werden. Auch nicht in Gesprächen, was von allen Beteiligten (zurecht) als ziemlich unhöflich empfunden wird und zu allgemeinen Verstimmungen führt. Auch ich mache meine Kopfhörer raus wenn ich mich mit anderen Menschen unterhalte.

Meistens.

Gegen den Krach gibt es auch eine Waffe. Anderen Krach. Aber besseren Krach.

Das Problem ist, dass es im Alltag Situationen gibt, in der die Menge und Anzahl der Hintergrundgeräusche ein Level erreicht, dass ich es nur durch Konzentration allein nicht mehr schaffe auszublenden. An dieser Stelle habe ich in etwa drei Alternativen. Die erste wäre, mir das Trommelfell durchzustechen, was aber eine ziemliche Sauerei ist und ich deshalb vermeiden wollen würde. Ansonsten bleibt, den Lärm künstlich auszufiltern. Das ginge entweder durch Gehörschutz oder durch Übertönen.
Man muss sagen, ich mag meinen Gehörschutz sehr, - an sehr vielen Wohnheimtagen ist er das einzige, was zwischen mir und einem Schreikrampf steht – aber es gibt Situationen, in denen er einfach unpraktisch ist, da man ihn nicht mit einer einhändigen schnellen Handbewegung in die Ohren rein und auch wieder raus bekommt, geschweige denn unaufällig. Außerdem kann ich nicht regulieren, wie stark er die Außengeräusche dämpft, es gibt nur Krach oder Stille.

Also bleibt als Alternative, den Lärm zu übertönen, wie in diesem treffenden “Ben X”-Zitat beschrieben. Das Problem kommt dann, wenn die Interaktion mit Menschen dort stattfindet, wo grade zu viel Hintergrundgeräusche vorhanden sind, wie oftmals im Einzelhandel. Seien es übervolle Supermarktkassen, Bäckereien mit piepsenden dröhnenden Öfen im Hintergrund oder Weihnachtsmarktstände. (Wobei bei denen der Lärm echt nicht das einzige Problem ist.) So kommt es also dazu, dass ich in solchen Situationen jedes Mal vorher meinen Überforderungszustand gegen die Unhöflichkeit abwägen muss, die ich dem Einzelhandelsverkaufswesen antue.

Bleibt der Kopfhörer also drinnen, gibt es viele Menschen, die da einfach nicht drauf eingehen, eventuell weil Sie es nicht bemerken, oder weil es ihnen egal ist, oder sie ärgern sich, aber sagen nichts. Dazu muss man sagen, dass solche Situationen in der Regel relativ vorhersehbar sind, dass ich mit etwas Grundlagenfähigkeit im Lippenlesen und Aufmerksamkeit durch einen kompletten Bestell- und Kassiervorgang komme, ohne dass ich auch nur ein Wort von dem hörte, was man mir sagte und das sogar inklusive dem Umstand, dass ich einen angenehmen Tag beim Gehen wünsche. Sollte es doch zu etwas Unerwartetem kommen, muss ich dann halt doch den Handgriff machen und die Kopfhörer rausnehmen.

Es gibt aber auch Menschen, die fühlen sich durch meine Kopfhörer so herabgewürdigt, dass sie das nicht so stehen lassen können und, statt ihre Arbeit zu tun, mir erklären, wie ich mich anständig zu verhalten habe, und auch erst Ruhe geben, wenn ich die Kopfhörer aus den Ohren genommen habe. Eine Kassiererin in einem örtlichen, von Baulärm geplagten Supermarkt ging dabei sogar soweit, mich nicht abkassieren zu wollen, solange ich die Kopfhörer nicht rausnehme. (Ähnliches passierte auch schon mit Sonnenbrillen in Banken.)

Natürlich kann ich verstehen, dass es diese Menschen als unhöflich verstehen. Ich könnte auch verstehen, wenn sie mir das sagen würden. Gespräche wie “Es ist ziemlich unhöflich, die Stöpsel nicht rauszunehmen, wenn Sie mit mir reden.” – “Ja, tut mir auch Leid, geht aber gerade leider nicht anders.” sind in der Vergangenheit durchaus vorgekommen, und danach waren beide Seiten zumindest irgendwie halbwegs befriedigt. Was halt einfach nicht geht, ist, dass diese Menschen dann erziehend tätig werden, denn dies steht nach wie vor nur meinen Eltern oder Strafgerichten zu, aber sonst niemandem, zumindest sofern dieser mich nicht adoptiert.

Natürlich wissen sie nicht, dass ich in der Situation nicht viel Wahl habe, und die Situationen sind in den seltensten Fällen so gestaltet, dass ich es ihnen so erklären könnte, dass sie es auch wirklich verstehen. Natürlich ist es das naheliegende, davon auszugehen, dass mir die Höflichkeit in dieser Situation einfach nur egal ist. Die Realität sieht aber halt bei gar nicht so wenigen Menschen anders aus. Und ich glaube auch nicht, dass den Menschen hinterm Tresen damit geholfen wäre, dass ich zu überfordert wäre, um vernünftig zu bezahlen, wenn sie im Gegenzug das Gefühl hätten, meine ungeteilte Aufmerksamkeit zu bekommen.

Geschrieben von Benjamin Falk

Am 12.12.2013 um 14:13 Uhr

Veröffentlicht in Allgemeines, Alltag, Wahrnehmung

Wie soll ich wissen wie es klingt, bevor ich höre was ich sage?

3 Kommentare

Vor 2 Jahren schrieb ich darüber, wie ich Kommunikation interpretiere und darüber, wie Missverständnisse dabei auftreten. Bei dem, was ich dort zu Missverständnissen schrieb, beschränkte ich mich darauf, wie ich das interpretiere, was andere mir sagen und das zu viel Interpretation auch wieder Probleme verursachen kann. Dabei habe ich mich mit einem ganz wesentlichen Aspekt nicht beschäftigt, denn die Frage ist, wie funktioniert das eigentlich anders herum?

Genauso, wie jede Nachricht, die mein Gegenüber mir kommuniziert unterschiedliche Ebenen der Bedeutung haben kann, hat jede Nachricht die ich meinem Gegenüber kommuniziere ebenso unterschiedliche Bedeutungsebenen. Und das vollkommen unabhängig davon, ob ich das nun möchte, oder nicht.

Man kann nicht nicht kommunizieren!“

Die meisten Menschen erwarten diese unterschiedlichen Bedeutungsebenen in den Aussagen ihres Gegenübers, ohne es zu merken. Das ist auch gar nicht verwerflich, denn im Normalfall sind diese Bedeutungsebenen ja auch da, was das Gegenüber intuitiv weiß. Problematisch wird es dann, wenn das Gegenüber diese Ebenen nicht intuitiv erkennt.

Im Extremfall bedeutet dies, dass die Aussage in ihrer Bedeutung komplett umgekehrt wird. Auch wenn das Beispiel im Allgemeinen etwas überstrapaziert ist, ist den meisten Menschen klar, dass „Natürlich bin ich nicht sauer auf dich.“ mitunter auch das komplette Gegenteil bedeuten kann. Umgekehrt kann es dieses Problem genauso geben. Wenn man sagen will, dass man nicht sauer ist und diesen Satz verwendet, würden viele Menschen verstehen man sei sauer.

Die Frage ist, wie man damit nun umgehen kann?
Für den Alltag bedeutet das, dass ich nicht nur überlegen muss, welche weiteren Bedeutungen, über die wörtliche hinaus, die Aussage des anderen hat, sondern dass ich das was ich selbst sagen möchte, genauso daraufhin untersuchen muss, wie es auf mein Gegenüber wirkt. Würde ich das bei jedem Satz aufs neue machen, hätte jeder Satz, den ich äußere, eine Gesprächspause von 2 Minuten vorweg, was für einen flüssigen Gesprächsfluss unter Umständen ein Hemmnis sein könnte.

Das zu vermeiden gelingt meist nur mit Erfahrung.
Um das Beispiel erneut zu bemühen, weiß ich um den Subtext der Formulierung und meide sie daher. Das funktioniert auch in weniger offensichtlichen Fällen.

Die Voraussetzung dazu ist allerdings, dass ich darüber nachdenke, das es dort ein Problem gibt und das die Aussage anders verstanden wurde als ich sie gemeint habe. Wenn die Aussage so verstanden wurde, kann es dann halt unter Umständen so sein, dass es bereits zu spät ist und die Person mitunter schon nicht mehr mit mir redet. Wenn ich Glück im Unglück habe, hat sie mir vorher noch ins Gesicht gebrüllt, was ich ihr angetan habe und ich kann eventuell noch etwas retten, oder zumindest einfach verhindern, dass ich diesen Fehler noch einmal mache.

Das ist allerdings nicht unbedingt die Wunschkonstellation, denn es bedeutet, dass man eine Person, die man mag, verletzt, oder im Extrem sogar verloren hat. Wenn man Glück hat, kennt man die Person gut genug, um zu wissen, dass es nicht so gemeint war. Aber selbst dann ist es nicht einfach, denn egal, was man sich rein logisch überlegt, im ersten Moment wird man so gut wie immer trotzdem gekränkt sein.

Doch auch wenn es schwerfällt, ist es mitunter die Lösung, die auf lange Sicht am besten funktioniert, in solchen Situationen zu sagen, dass eine Aussage grade verletzend, beleidigend, unfair oder sonst irgendwie unpassend war. Dann hat der Andere die Chance zu erklären wie es gemeint war und sich gegebenenfalls zu entschuldigen. Der Lerneffekt daraus ist mitunter sogar noch besser als wenn man sauer auf die Person ist, denn so kann Sie noch nachfragen, was das Problem war, statt im Nachhinein interpretieren zu müssen.
Und langfristig dürfte dieser Weg für beide Seiten deutlich einfacher sein, wenn beide sich nicht mit Menschen streiten, den Sie eigentlich mögen, auch wenn es in der Situation selbst definitiv nicht einfach ist.

Geschrieben von Benjamin Falk

Am 25.11.2013 um 22:23 Uhr

Veröffentlicht in Alltag

Outerspacegirl – Mein Autismus in 500 Worten

Ein Kommentar

Auf meiner Liste stehen Duschgel und Zahnseide. Wenn ich die Dinge heute noch besorge, muss ich morgen nicht aus dem Haus. Einen oder mehrere Tage nicht aus dem Haus gehen zu müssen ist das oberste Ziel. Es ist unglaublich laut im Geschäft, das Stimmengewirr übertönt die Musik aus meinen Kopfhörern. Man rempelt, schubst, schiebt. Gegen mich, an mich. Ich will mich schütteln und schreien. Was wollte ich? Der Zettel. Mit der Liste. Das Regal verschwimmt vor meinen Augen. Wo ist das Produkt, das ich immer kaufe? Ich sehe, doch das Gehirn verarbeitet diese Informationen nicht mehr. Meine Hände verkrampfen sich, die Kiefer mahlen schmerzhaft. Atmen. Konzentrieren. Ich greife blind in die Produkte, renne zur Kasse, erzwinge ein Lächeln und stürme aus dem Geschäft.
Zu Hause merke ich, dass ich das Falsche nahm.

Ich bin Autistin. Mit Situationen wie dieser bin ich beinahe täglich konfrontiert. Manche sind leichter. Manche sind schlimmer. Ich wünsche mir eine Schutzblase als Lebensraum, abgeschottet und sicher. Meine Schutzblase ist im Moment aber nicht mehr als ein Stück nasse Pappe, das ich verzweifelt vor mich halte. Ja, ich komme nicht sonderlich gut zurecht, nehme das aber meist mit Humor und einer Menge Sarkasmus. Wenn es ganz brenzlig wird, steht mir eine Person zur Seite, die mich bei komplizierten und beängstigenden Aufgaben unterstützt, der Alltag und das Berufsleben wollen jedoch allein bezwungen werden. Mein Autismus ist keine Krankheit. Es ist eine neurologische Variation, die sich in etwa so äußert, als müsse man in Skikleidung schwimmen.
Aber ich habe nicht nur Defizite. Wenn mein Interesse geweckt ist und ich ausreichend Kraft habe, gehe ich völlig in einem Thema auf. Ich habe beispielsweise eine kleine Obsession für Worte. Ich liebe, wie sie aussehen, sich schreiben, wie sie sich anhören. Ich möchte sie alle verwenden, mit ihnen spielen und sie nutzen, um mich mitzuteilen, auch wenn Kommunikation kompliziert ist. In jeder Situation. Was auch der Grund ist, warum sich private Kontakte auf ein Minimum beschränken. Nicht, dass es mich belastet, ich habe nicht das Bedürfnis danach. Doch das Mysterium „Freundschaft“ würde ich schon gern verstehen und sogar umsetzen können.

Ja, im Großen und Ganzen bin ich glücklich. Ich habe so viel. Eine wundervolle Wohnung, in die ich mich zurückziehen kann, eine Arbeitsstelle, die mich zwar oft an meine Grenzen bringt und enorm stresst, in der ich aber nur in Teilzeit arbeiten muss, Familie und einen Partner, die hinter mir stehen und das Internet, das mich mit Leuten verbindet,  mit denen das Kommunizieren mehr ist als ein Spaziergang durch ein Minenfeld.

Mein Autismus war mir verhasst, als ich noch nichts von ihm wusste. Er hat mich stets ins Aus gestellt, mich anders sein lassen und mich zynisch und bitter gemacht. Seit ich ihn kenne und verstehe, mich verstehe, ist das Leben nicht unbedingt leichter, jedoch viel angenehmer. Zurückblickend stelle ich fest, dass ein großer Teil meines Lebens aus Unsicherheit und Scham besteht, unglaublich viele Erinnerungsklumpen, die ich fein säuberlich in geistige Regale geordnet habe. Nun habe ich eine Diagnose, was mir die Möglichkeit gibt, jeden dieser rot glühenden Brocken genau anzusehen und aufzulösen. Und sind die Regale dann leer, fülle ich sie mit Schönem.


Dieser Beitrag ist Teil der Reihe „Mein Autismus in 500 Worten“.

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Outerspacegirl ist Ende 20. Wenn sie nicht gerade überlebt, twittert und bloggt sie.

Geschrieben von Benjamin Falk

Am 15.11.2013 um 22:06 Uhr

Veröffentlicht in Mein Autismus

Gastbeitrag: Eine Diagnose ist kein Schimpfwort

Ein Kommentar

Der folgende Text ist ein Gastbeitrag von MrsGreenberry. Sie ist Asperger-Autistin und 18 Jahre alt. Wenn Sie nicht grade Gastbeiträge für mich schreibt, schreibt sie 140 Zeichen voll und studiert


Zur Zeit ist es eine meiner Hauptbeschäftigungen, andere Menschen – vor allem auf Twitter – darauf hinzuweisen, dass die Verwendung des Begriffs „Autismus“ als Beleidigung die Betroffenen verunglimpft. Leider reichen die 140 Zeichen meistens nicht aus, um zu erklären, warum genau ich und viele andere Autisten uns dadurch beleidigt fühlen, daher tue ich das nun an dieser Stelle. Aber um meinen und den Ärger vieler anderer Betroffener zu verstehen, muss man erst mal wissen: Was ist eigentlich Autismus?

Vereinfacht gesagt ist Autismus eine andere Art der Wahrnehmung, bei der die Betroffenen Probleme damit haben, nonverbale Signale wie Mimik, Gestik oder Tonfall richtig zu interpretieren. Normalerweise funktioniert das ganz automatisch, ohne dass man darüber nachdenken muss. Anders bei Autisten: All diese Dinge müssen mühsam erlernt werden. Da aber ein großer Teil der zwischenmenschlichen Kommunikation nonverbal erfolgt, kommt es häufig zu Missverständnissen. So erhält der Satz „Das hast du aber toll gemacht“ je nach Betonung und Gesichtsausdruck eine ganz andere Bedeutung. Betroffene haben durch diese Kommunikationsprobleme häufig Schwierigkeiten, sich in Gruppen zu integrieren und Kontakte zu knüpfen, viele gelten als „Sonderlinge“.

Was ist nun das Problem, wenn der Begriff „Autismus“ als Synonym für arrogantes oder selbstbezogenes Verhalten verwendet wird? Wie bereits beschrieben, haben Betroffene häufig  soziale Schwierigkeiten. Das heißt aber nicht, dass sie kein Interesse daran hätten, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten – sie wissen halt nur nicht, wie das funktioniert. Viele Autisten investieren jedoch große Mühen darin, sich so normal wie möglich zu verhalten und nicht anzuecken. Autisten leben eben nicht in ihrer eigenen Welt und anders als vielfach angenommen sind sie durchaus zu Empathie fähig.

Daher ist es falsch, Autismus mit Arroganz und asozialem Verhalten gleichzusetzen. Wer also – und das muss ja nicht einmal böswillig gemeint sein – Autismus als Synonym für eben jene Eigenschaften verwendet, erzeugt ein falsches und negatives Bild davon, was Autismus ist und trägt zu einer Stigmatisierung der Betroffenen bei. Bitte lassen Sie es also. Danke.

 

Geschrieben von Gastautor

Am 04.11.2013 um 10:53 Uhr

Veröffentlicht in Allgemeines, Alltag